Dramaturgische Vorüberlegungen

In den Vorgesprächen zur Neuinszenierung wurden verschiedene Vorüberlegungen durchgeführt. Dazu gehörte die Frage, was eine Inszenierung am Goetheanum eigentlich von anderen Aufführungen und Bühnen unterscheidet. Ein einfach zu ermittelnder Aspekt ist, dass die Verantwortlichen der Anthroposophie von Rudolf Steiner einen hohen Stellenwert in ihrem Leben und Arbeiten geben. Dazu gehört, dass sie die Anthroposophie als ‹Zeitgenossen› individualisiert haben.

Inhaltlich ergeben sich aus einer anthroposophischen Perspektive ebenfalls besondere Aufmerksamkeiten. So ist die geistige und persönliche Entwicklung der Faust-Figur im Drama etwas, was vielleicht mehr und andere Beachtung erhält als an anderen Orten. Faust begegnet uns als ein Gelehrter und Dozent einer Hochschule. Er erlebt sich am Anfang der Dichtung in einer Wissens- und Lebenskrise. Denn er mochte und konnte nicht mehr in den Denk-, Forschungs- und Lebensmustern bleiben, die er ererbt, erworben oder vorgefunden hat. Diese Bereitschaft, mutig in neue Erfahrungen vorzustossen, ist eine wichtige Voraussetzung für die spirituelle Entwicklung.

Goethe zeigt Faust als einen Menschen mit einem Verlangen und einer Sehnsucht. das überlieferte und erreichbare Wissen und Können seiner Zeit zu überschreiten. Solch eine Haltung oder Persönlichkeitslage ist für Rudolf Steiner eine Eigenschaft von Menschen, die sich für Anthroposophie interessieren: "Anthroposophen können daher nur Menschen sein, die gewisse Fragen über das Wesen des Menschen und die Welt so als Lebensnotwendigkeit empfinden, wie man Hunger und Durst empfindet." (GA 26, Leitsatz 1, 17.02.1924).

Die Neuinszenierung von Goethes Faust am Goetheanum möchte nicht nur die Hauptfigur der Tragödie in diesem Anliegen ernst nehmen, sondern auch alle Beteiligten und Zuschauenden. Das Faust-Schauspiel ist so gesehen nicht nur eine Aufführung, sondern die Grundlage einer Gemeinschaft von Schauenden und Spielenden.

(ah)