Zu "Rudolf Steiners Faust-Rezeption" von Martina Maria Sam

Martina Maria Sam hat 2011 ein umfassendes Buch vorgelegt, das "Rudolf Steiners Faust Rezeption" behandelt. Frau Sam hat viele Jahre in der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, für die Redaktion der Wochenschrift "Das Goetheanum" und als Sektionsleiterin für Schöne Wissenschaft gearbeitet. In diesem Buch geht es ihr insbesondere um die "Interpretationen und Inszenierungen als Vorbereitung der Welturaufführung des gesamten Goetheschen Faust 1938". Denn rund 13 Jahre nach Rudolf Steiners Tod 1925 kam es zur weltweit ersten ungekürzten Gesamtaufführung von Faust 1+2 am Goetheanum in Dornach. Diese Aufführung wurde durch Marie Steiner-von Sivers, der Ehefrau von Rudolf Steiner, geleitet und ermöglicht.

Auch wenn historische Betrachtungen nur selten direkt umsetzbare Grundlagen für die dramaturgische Arbeit liefern, ist das Buch von Martina Maria Sam ausgesprochen wertvoll. Denn sie verdeutlicht, dass bereits die ersten Inszenierungen von Faust am Goetheanum stark von den Persönlichkeiten geprägt wurden, die für sie verantwortlich waren. Das liegt unter anderem an den Grundlagen der anthroposophischen Arbeit selbst. Denn in der Anthroposophie geht es um Welterkenntnis und Selbsterkenntnis sowie ihre Wechselbeziehungen. Erkenntnis kann aber nur im einzelnen Menschen gültig entstehen. Daher braucht die Anthroposophie für ihre Entfaltung und Wirksamkeit selbstständige und mutige Persönlichkeiten.

Rudolf Steiner war eine Persönlichkeit mit ungewöhnlichen Fähigkeiten, die nur selten zusammenkommen und die sich auch nicht leicht kopieren lassen. Daher wird es stets ein breites Spektrum von Arten und Weisen geben, die Anregungen und Angaben von Rudolf Steiner zu verstehen und umzusetzen. Eine wichtige Eigenschaft seiner Arbeitsweise, die es für ein Projekt wie die Neuinszenierung von Goethes Faust am Goetheanum zu bedenken und zu berücksichtigen gilt, fasst Martina Maria Sam in ihrer Einleitung (S. 20) treffend zusammen: "So ist eine seiner wesentlichen Darstellungsmethoden das ‹Charakterisieren›, das Beweglich-Halten der Begriffe, das Vermeiden fester Definitionen. Er empfiehlt seinen Zuhörern (und Lesern), eine Sache stets von verschiedenen Seiten her anzusehen und durchzuempfinden und nicht nur einen Standpunkt einzunehmen."

(ah)