Meinungen zu Goethes Faust

Neben Werther, Tasso, Wilhelm, Eduard, Ferdinand und der ganzen Reihe steht unsichtbar immer Faust und macht sein Erstgeburtsrecht geltend. Er ist der Kronprinz, auf den einmal das Reich übergeht, die andern sind nur nachgeborene Söhne und haben sich mit dem zu begnügen, was nebenher abfällt… Vor Faust fürchtete Goethe sich selber. Dieser Junge war ihm zu früh schon über den Kopf gewachsen und ließ sich nichts gefallen.
–Herman Grimm

«Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan» – : nicht umsonst ist dies das letzte Wort nicht nur der Faustdichtung, sondern auch des Dichters Goethe. Es ist sein letztes Bekennmis zur Möglichkeit einer diesseitigen Vollendung des Menschen, einer Vollendung des Menschen als physisch-geistiger Persönlichkeit, einer Vollendung auf der Grundlage des Beherrschens der äußeren Welt, der Erhebung der eigenen Natur zur Geistigkeit, Kultur und Harmonie, ohne ihre Naturhaftigkeit aufzuheben.
–Georg Lukács

In diesem zweiten Teile befreit Goethe den Nekromanten aus den Krallen des Teufels, er schickt ihn nicht zur Hölle, sondern läßt ihn triumphierend einziehen ins Himmelreich unter dem Geleite tanzender Englein, katholischer Amoretten, und das schauerliche Teufelsbündnis, das unsern Vätern so viel haarsträubendes Entsetzen einflößte, endet wie eine Farce,– ich hätte fast gesagt: wie ein Ballett.
–Heinrich Heine

Es ist die Härte dieser Dichtung, daß sie statt einer gegebenen letzten Antwort oder statt einer um Erlösung ringenden letzten Frage dem Menschen vorläufig die Selbsthilfe empfiehlt; nicht bloß in dem Sinn, daß man sich in der Welt kräftig tummle; Selbsthilfe auch vor Gott, Sorge und Tod. Wie weit der Abschluß des Ganzen dieser götterlos, fast ruchlos tätigen Selbsthilfe der Person entgegenkommt mit der helfenden Liebe, bleibt vorsichtig offen, und es wird immer wieder für einen Menschen oder ein Zeitalter verräterisch sein, ob man auslegend mehr das eine oder das andere hervorhebt.
–Max Kommerell

Trotz seines Teufelspaktes steht auch Faust in der Gnade, insofern er den übersinnlichen Drang niemals verliert. Dieser theologische Gedankengang, grundlegend für das ganze Gedicht, kann nur aus den Frankfurter Jahren Goethes stammen.
–Wilhelm Flitner

Fausts eigentliches Problem ist nun eben dies: daß er nicht hinfindet von verzweifelnder Ungeduld zu gläubiger Geduld, sondern unentschieden zwischen beiden schwankt: so oft er im Gang der Dichtung anhebt, Geduld zu lernen und im produktiven Verzicht das Ewige im Irdischen zu ergreifen, so oft gleitet er von neuem ab in frevelnde Vermessenheit. Er entwickelt sich nicht im Sinne von Fortschritt und Läuterung, sondern lediglich im Sinne von Reifung, so nämlich, daß sein Leben immer mehr an Bedeutungsfülle und Weltgehalt zunimmt.
–Johannes Pfeiffer

Es wird zur großen tragischen Paradoxie der Faust-Dichtung, daß der Mensch nur durch den Teufel zu Gott gelangen kann.
–Benno von Wiese

Was ist das für ein Gewäsch über den Faust! Alles erbärmlich. Gebt mir jedes Jahr 3ooo Thlr. und ich will Euch in drei Jahren einen Faust schreiben, daß Ihr die Pestilenz kriegt.
–Christian Dietrich Grabbe

Denn so viel Kritik möglich sei, moralisch und selbst künstlerisch, an diesem «inkommensurablen» Erzeugnis (aber was ist interessant außer dem Inkommensurablen!), diesem ungeheuren und dabei durchaus übersehbaren, durchaus durchdringbaren Zeitgewächs, halb Ausstattungs-Revue, halb Weltgedicht, das innerlich 3000 Jahre Menschheitsgeschichte, von Trojas Fall bis zur Belagerung Missolunghis, umfaßt, und in dem alle Quellen der Sprache springen, – es ist an jeder Stelle so vorzüglich, so geistvoll, so herrlich wortgenau und abundierend an Weisheit und Witz, so kunstfroh, heiter und leicht im Tiefsinn und in der Größe, in der humoristischen Behandlung des Mythos zum Beispiel, auf den Pharsalischen Feldern und am Peneios, und in derjenigen des Mysteriums der Helena, daß jeder Kontakt damit entzückt, erstaunt, belebt, zur Kunst befeuert, daß es Liebe verdient, dies ewig kuriose Gebilde, weit mehr noch als Ehrfurcht…
–Thomas Mann

Wer den zweiten Faust einübt, muß erkennen: das Nebeneinander zweier, nein, dreier Stile. Erster Stil: antiker Form sich verdammt nähernd; also kothurnig. Zweiter Stil: heutnäher; zwangloser. Dritter Stil: weder auf Stelzen noch in Holzschuhen–sondern auf hold schwebender, ja, singender Sohle. Der Dichter heißt mir im ersten Fall: Goethos. Im zweiten: von Goethe. Im dritten: Wolfgang. Dem entsprechen die zu denkenden Orte der Luftschicht. Im ersten Fall: Hellas. Im zweiten: Sachsen-Weimar-Eisenach. Im dritten: Morgenäther.
–Alfred Kerr

Die Surrealisten und die Abstrakten – Goethe, zum erstenmal (durch Gründgens 1958 in Hamburg) richtig gedeutet, stellt sie alle in den Schatten: Traumweltorgien, allegorische Abstraktionen, Perspektivismus der Jahrhunderte (man dachte immer, das sei eine Erfindung von Benn), der kühnste Griff ins Musée imaginaire, das freieste Spiel mit den Formen (die Griechen, Calderon, die Morality, die Fastnachtskomödie, das Mysterium), der Teufel, Harlekin und der Mensch als Übermensch. Welche Dimensionen, welche Reiche, welche Phantasmagorien sind hier erschlossen! «Faust II» – ein Prototyp des modernen Theaters, das wissen wir jetzt.
–Siegfried Melchinger

Des Menschen Leben ist ein ähnliches Gedicht: Es hat wohl einen Anfang, hat ein Ende, allein ein Ganzes ist es nicht. Ihr Herren, seid so gut und klatscht nun in die Hände.
–Goethe, etwa 1800, in einer «Abkündigung» für den Faust.