Faust I

Zueignung

Bei dem Gedicht „Zueignung“ handelt es sich inhaltlich um eine Elegie, formal um eine Stanze. Goethe spricht darin die Personen des Dramas selbst an, berichtet vom Erwachen des Schaffensprozesses und gibt die Gefühle wieder, die sich seiner dabei bemächtigt haben. Er trauert den vergangenen Zeiten nach, seiner Jugend, seiner ersten Liebe und Leidenschaft und den verlorenen Gefährten dieser Zeit.

Vorspiel auf dem Theater

Ein Theaterdirektor, ein Dichter und die Lustige Person (gemeint ist ein Schauspieler) streiten über Sinn und Zweck eines gelungenen Theaterspiels. Der Direktor betont dessen unternehmerische, der Dichter die künstlerische, die Lustige Person die unterhaltende Absicht. Ihr Kompromiss sei das nun folgende Universalstück, der Faust: So schreitet in dem engen Bretterhaus | den ganzen Kreis der Schöpfung aus | und wandelt mit bedächt'ger Schnelle | vom Himmel durch die Welt zur Hölle!

Prolog im Himmel

Der Prolog im Himmel beginnt mit einer Verherrlichung der Werke des Herrn (Gottes) durch drei Erzengel. Deren positive Sichtweise wird durch Mephisto spöttisch in Frage gestellt. Darauf folgend schließen Mephisto und der Herr eine Wette ab, die an die Hiobswette im Alten Testament angelehnt ist. Der Herr bringt die Sprache auf Doktor Faust, seinen Knecht, der ihm bisher nur verworren diene. Mephisto wettet, er könne Faust verführen, vom rechten Weg abzuweichen. Der Herr lässt Mephisto gewähren (Nun gut, es sei dir überlassen!), sagt aber voraus, dass Mephisto verlieren werde: Und steh beschämt, wenn du bekennen musst: | Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange | ist sich des rechten Weges wohl bewusst.

 

Der Tragödie erster Teil

Nacht – Faust, Erdgeist, Wagner

Der Gelehrte Heinrich Faust zweifelt am Erkenntniswert der Wissenschaft, die weit davon entfernt sei zu erklären, was die Welt im Innersten zusammenhält. Er zieht die Summe seiner langjährigen Studien und sieht, dass wir nichts wissen können! Um der realwissenschaftlichen Sackgasse zu entkommen, greift er, nach dem Vorbild des Nostradamus, zur Magie und beschwört den Erdgeist. Er hofft, durch dessen Kraft in höhere Sphären zu gelangen: Der Du die weite Welt umschweifst, geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich dir!, wird aber von jenem Geist nur verhöhnt und schmerzvoll an seine eigene Sterblichkeit erinnert: Wo ist der Seele Ruf? Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf? Wo bist Du, Faust, des Stimme mir erklang? Ein furchtsam weggekrümmter Wurm!. So entzieht sich der Erdgeist Faust, und Wagner tritt auf.

Fausts lerneifriger Famulus Wagner ist der Typus des auf reine Buch-Gelehrsamkeit bauenden, optimistischen und fortschrittsgläubigen Wissenschaftlers. (Er wird im zweiten Teil des Faust als Professor und Reagenzglas-Genetiker auftreten und die nüchtern wissenschaftliche Position gegenüber dem Faustschen Schwärmertum vertreten. Durch die Erschaffung eines künstlichen Menschen, des Homunculus, erweist aber auch er sich als Visionär.)

Aus Verzweiflung und einem letzten Bedürfnis nach Grenzüberschreitung beschließt Faust, sich durch Gift das Leben zu nehmen, wird jedoch durch das Glockengeläut zum Ostersonntag, das ihn weniger an die christliche Botschaft als an glückliche Kindertage erinnert, davon abgehalten, den Saft auszutrinken.

Vor dem Tor – Osterspaziergang

Am nächsten Tag, dem Ostersonntag, unternimmt Faust mit Wagner einen festtäglichen Frühlingsspaziergang und mischt sich unter das promenierende Volk. Bei dieser Gelegenheit zeigt sich, welch hohe Achtung Faust seiner medizinischen Verdienste wegen bei der Landbevölkerung genießt. Die Szene gibt einen Querschnitt durch die mittelalterliche ständische Gesellschaft. Es treten Bürger und Bauern auf, Studenten, Handwerksburschen und Soldaten, Bürgertöchter und Mägde. In ihren Gesprächen werden unterschiedliche Anschauungen der verschiedenen Stände und Generationen deutlich.

Faust offenbart Wagner sein inneres Zerrissensein zwischen körperlichen und geistigen Bedürfnissen, zwischen irdischen und himmlischen Ambitionen: Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen: die eine hält in derber Liebeslust sich an die Welt mit klammernden Organen; die andre hebt gewaltsam sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen.[1]

Ein seltsamer schwarzer Pudel folgt den beiden Spaziergängern; Faust nimmt ihn mit in sein Studierzimmer.

Studierzimmer – Pudelszene: Faust, Mephisto

Faust übersetzt den Anfang des Johannesevangeliums. Um den Sinn des griechischen Wortes logos zu erfassen, zieht er die Übersetzungen Wort, Sinn und Kraft in Erwägung und entscheidet sich dann für Tat: Im Anfang war die Tat.

Unterdessen wird der ihm zugelaufene Pudel unruhig. Von Faust zur Rede gestellt und mit Zaubersprüchen beschworen, entpuppt sich das Tier schließlich als der Teufel Mephisto („Das also war des Pudels Kern!“ 1323), der sich vorstellt als ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft und als Geist, der stets verneint.

Studierzimmer – Teufelspakt, Schülerszene

Im sogenannten Teufelspakt verpflichtet sich Mephistopheles, Faust im Diesseits zu dienen und hier alle Wünsche zu erfüllen. Im Gegenzug ist Faust bereit, dem Teufel seine Seele zu überantworten, falls es diesem gelinge, ihm Erfüllung und Lebensglück zu verschaffen (Faust: Werd' ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn! (1699–1702).)

Mephistopheles knüpft an Fausts Enttäuschung über sein Studierstubenleben an, um ihm den banalen Lebensgenuss schmackhaft zu machen: Wir müssen das gescheiter machen / Eh' uns des Lebens Freude flieht. (1818–1819) Hinter seinem Rücken verhöhnt er ihn: Verachte nur Vernunft und Wissenschaft … (1851).

In Fausts Professorentalar gekleidet, hält Mephisto einen soeben neu angekommenen Studenten mit einer zynischen Studienberatung zum Narren und holt aus zu einem satirischen Rundumschlag gegen die Universitätsgelehrsamkeit im Allgemeinen und die Engstirnigkeit einzelner Fakultäten im Besonderen.

Die Begegnung mit dem Schüler endet mit dem Eintrag in dessen Stammbuch: Eritis sicut Deus scientes bonum et malum (Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. (2047)). Damit zitiert Mephisto die Worte, die die Schlange der Bibel zufolge an Adam und Eva kurz vor deren Vertreibung aus dem Paradies richtet.[2] Indem Mephisto in seinem anschließenden Kurzmonolog die Szene mit den Worten Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange! (2049) verspottet, bewertet er zugleich indirekt Fausts Streben nach Gottesebenbildlichkeit (614) als Wiederholung des Sündenfalls.

Auerbachs Keller in Leipzig

Vier angetrunkene Studenten in Auerbachs Keller versuchen, sich mit zotigen Scherzen und ordinären Liedern in Laune zu bringen. Mephisto führt Faust ins Lokal, um ihm zu zeigen, wie leicht sich's leben läßt. Als Ortsfremde erregen beide das Interesse der Zechenden. Durch ein dreistes Lied versteht Mephisto, sich schnell in deren Kreis einzuschmeicheln, und als er jedem die gewünschte Weinsorte aus dem Tisch zaubert, steigt die Stimmung. Faust hat von diesem derben Treiben bald genug, aber Mephisto bittet um Geduld: Gib nur erst acht, die Bestialität wird sich gar herrlich offenbaren. Der Wein verwandelt sich plötzlich in Feuer und die Betrunkenen versuchen daher, Mephisto mit Messern anzugreifen. Dank seiner magischen Kräfte gelingt es diesem jedoch, die Gefahr zu bannen und mit Faust zu entfliehen. Die Studenten bleiben verstört zurück: Nun sag mir eins, man soll kein Wunder glauben! (V. 2336)

Hexenküche

Mephisto führt Faust in eine Hexenküche, in der ihm ein Zaubertrank verabreicht wird, der ihn verjüngt und ihm jede Frau begehrenswert erscheinen lässt. Faust wehrt sich zunächst gegen den Hokuspokus, fügt sich dann aber doch. Überrumpelt von Mephistos schmeichelnden Verheißungen und der verwirrenden Umgebung in diesem Wust von Raserei, trinkt er das Zaubergebräu. Noch bevor seine körperliche Verjüngung einsetzt, erblickt er in einem zerbrochenen Spiegel das Idealbild einer Frau und ist von deren Anblick vollkommen verzückt — Oh Liebe, leihe mir den schnellsten deiner Flügel und führe mich in ihr Gefild!. Von diesem Bild will er nicht lassen, doch Mephisto führt ihn, unter Hinweis auf zukünftige Liebesfreuden, mit den Worten fort: Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, | Bald Helenen in jedem Weibe.

Straße – Begegnung mit Gretchen

Faust bietet dem von der Beichte kommenden Gretchen seine Begleitung an. Das aus einfachen Verhältnissen stammende Mädchen weist ihn jedoch aus Scheu und Bescheidenheit zurück. Faust ist von Gretchens Aussehen und Wesen eingenommen: So etwas hab ich nie gesehn.

Mit der Drohung, andernfalls den Pakt zu brechen, fordert Faust von Mephisto, Gretchen noch am gleichen Tag zu seiner Geliebten zu machen. Mephisto, der sie bei der Beichte belauscht hat, wendet ein, er habe keine Gewalt über das unschuldige Mädchen. Faust entgegnet: Ist über vierzehn Jahr doch alt. Mephisto, Fausts Lüsternheit verspottend (Ihr sprecht schon fast wie ein Franzos!), mahnt zu mehr Geduld und List. Vorerst soll Faust sich damit begnügen, in Gretchens Zimmer ein Geschenk für sie zu hinterlegen.

Abend

Zu Hause angekommen, fragt sich Gretchen, wer wohl der Herr gewesen sei, der sie auf der Straße angesprochen hat. Aufgrund seiner stattlichen Erscheinung und seines kecken Auftretens hält sie Faust für einen Edelmann.

In Gretchens Abwesenheit führt Mephisto Faust in deren Zimmer und lässt ihn allein. An diesem Ort spürt Faust süße Liebespein. Er malt sich Gretchens bisheriges Leben aus und erfreut sich an der Vorstellung eines „reinen“, in seiner ärmlichen, aber ordentlichen Umwelt verwurzelten Mädchens. Hier möcht ich volle Stunden säumen (V. 2710), erklärt er beim Betrachten ihres Bettes.

Unversehens erkennt Faust sein Eindringen als Frevel und ist von seinem eigenen Vorgehen befremdet: Armselger Faust, ich kenne dich nicht mehr! (V. 2720) Mephisto drängt wegen Gretchens baldiger Rückkehr zur Eile. Er versteckt ein von ihm gestohlenes Schmuckkästchen im Schrank und macht sich über Fausts Bedenken lustig.

Gretchen kommt zurück, entkleidet sich und singt dabei das Lied vom König in Thule. Sie findet das Kästchen und rätselt über dessen Herkunft. Probeweise legt sie sich den wertvollen Schmuck um und posiert damit vor dem Spiegel.

Spaziergang

Empört berichtet Mephisto Faust, Gretchen habe den Schmuck ihrer Mutter gezeigt, die daraufhin einen Pfarrer kommen ließ. Der habe den verdächtigen Schatz prompt für die Kirche eingezogen und himmlischen Lohn dafür versprochen. Mephisto verhöhnt die Bereitwilligkeit, mit der die Kirche Güter einstreiche, ohne sich um deren Herkunft zu scheren. Gleichzeitig versichert er Faust, Gretchen ... Denkt ans Geschmeide Tag und Nacht, Noch mehr an den, ders ihr gebracht. Faust verlangt umgehend ein neues, noch wertvolleres Geschenk. Außerdem solle Mephisto Gretchens Nachbarin zu seiner Komplizin machen.

Der Nachbarin Haus

Nachbarin Marthe Schwerdtlein denkt an ihren verschollenen Mann, der sie auf dem Stroh allein zurückgelassen habe. Sie will ihn in seiner Abwesenheit nicht betrügen, hätte nur gern, falls er tot sei, eine amtliche Bestätigung dafür.

Gretchen kommt und zeigt Marthe den neuen Schmuck. Diese rät ihr, ihn diesmal vor der Mutter zu verbergen und einstweilen nur heimlich in Marthes Haus zu tragen.

Mephisto bringt Marthe eine Nachricht: Ihr Mann ist tot und lässt Sie grüßen. Der Verstorbene liege in Padua begraben. Zu einem abendlichen Treffen in Marthes Garten will er den für einen Totenschein benötigten zweiten Zeugen für diesen Sachverhalt mitbringen. Nachdem er Gretchen zuvor bereits geschmeichelt hat, reif für einen vornehmen Verehrer zu sein, beschreibt er diesen Zeugen als feinen Gesellen, der Fräuleins alle Höflichkeit erweist. Marthe sichert zu, auch Gretchen werde beim Treffen zugegen sein.

Mephisto kokettiert mit Marthe, zieht sich aber schnell zurück, als die frischgebackene Witwe auf seine Avancen einzugehen bereit ist: Die hielte wohl den Teufel selbst beim Wort.

Straße

Faust erkundigt sich nach Mephistos Fortschritten bei seinem Werben um Gretchen. Mephisto hofft hier auf Marthes Hilfe, im Gegenzug müsse Faust aber den Tod ihres Gatten bezeugen. Zunächst will Faust dies nur tun, wenn er zuvor das Grab in Padua in Augenschein nehmen könne. Da verhöhnt Mephisto Fausts Doppelmoral: Habe dieser als Wissenschaftler nicht auch Aussagen über Gott, Welt und Menschen gemacht, ohne mehr davon zu wissen als jetzt von Marthes Ehemanns Tod? Werde er bei Gretchen nicht bald Versprechungen von ewiger Treu und Liebe abgeben, die er nicht einhalten könne? – Faust ärgert Mephistos Unterstellung, wonach sein tiefes Wahrheitsstreben nichts anderes als ein teuflisch Lügenspiel und wonach seine Liebe zu Gretchen nicht tief und nachhaltig sei. Trotzdem lässt sich Faust auf den Betrug ein.

Garten

Beim verabredeten Treffen spazieren die beiden Paare Faust/Gretchen und Mephisto/Marthe auf getrennten Wegen in Marthes Garten auf und ab. Mephisto hat dabei alle Mühe, die unverhüllten Eheanträge der Hausherrin abzuwehren.

Gretchen schildert Faust ihren arbeitsreichen Alltag. Dennoch sei sie zufrieden. Einen tiefen Eindruck habe die Liebe und der frühe Tod ihres kleinen Schwesterchens, das Gretchen anstelle der kranken Mutter selbst aufgezogen hatte, bei ihr hinterlassen.

Faust und Gretchen kommen einander näher. Sie gesteht, dass sie schon bei ihrer ersten gemeinsamen Begegnung Zuneigung für ihn empfunden habe. Er spricht von der Möglichkeit, Sich hinzugeben ganz und eine Wonne / Zu fühlen, die ewig sein muß (V. 3191 f).

Ein Gartenhäuschen

In dem Gartenhäuschen küssen sich Faust und Gretchen. Mephisto stört, indem er Faust zum Aufbruch drängt. Das zurückbleibende Gretchen fragt sich beschämt, was ein so gebildeter Mann wie Faust an ihr wohl reizvoll finden könne: Bin doch ein arm unwissend Kind (V. 3215).

Wald und Höhle

Faust hat sich in die Einsamkeit einer Waldhöhle zurückgezogen und dankt dem Erdgeist dafür, ihm alle seine Wünsche an ihn erfüllt zu haben. Statt die Natur wie früher nur mit der kühlen Distanz des Wissenschaftlers zu betrachten, könne er sie nun direkt erfassen und in ihre tiefe Brust schauen. Doch Faust beklagt auch seine wachsende Abhängigkeit vom Zyniker Mephisto und dessen Verlockungen. Prompt tritt dieser auf den Plan und beginnt über Fausts Begeisterung an der öden Natur zu spotten (Dir steckt der Doktor noch im Leib!) und dessen Seligkeit mit bloßer Selbstbefriedigung zu vergleichen. Derweil, so Mephisto, warte Gretchen sehnsüchtig auf den Geliebten.

Faust verdammt Mephisto, weil dieser seinen inneren Frieden störe und seine Begierde erneut entfache (Und nenne nicht das schöne Weib!), kann sich des Sogs der sehnsüchtigen Gedanken an Gretchen aber nicht erwehren. Sei die Verführung des Mädchens durch höllischen Einfluss schon unvermeidlich, so mag’s gleich geschehn, auch wenn Gretchen dann mit ihm zugrunde gehn werde.

Gretchens Stube

Am Spinnrad sitzend, sinniert Gretchen über den Verlust ihres seelischen Gleichgewichts: Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer,| ich finde sie nimmer und nimmermehr. All ihre Gedanken werden von Faust bestimmt, den sie umarmen und küssen möchte, bis sie an seinen Küssen vergehen sollt.

Marthens Garten – Gretchenfrage

Gretchen spürt, wie distanziert Faust der Kirche gegenübersteht, und stellt ihm daher die „Gretchenfrage“: Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Widerstrebend und ausweichend erläutert Faust, wie unzulänglich ihm traditionelle Religiosität erscheine. An feste Begriffe wie „Gott“ oder „Glauben“ will er seinen Pantheismus nicht binden: Ich habe keinen Namen / Dafür! Gefühl ist alles; / Name ist Schall und Rauch / Umnebelnd Himmelsglut. Gretchen akzeptiert zwar Fausts Antwort, hält ihm aber vor, kein Christentum zu haben. In diesem Zusammenhang erwähnt sie ihre starke Abneigung gegen Mephisto, der ihr ein heimlich Grauen einflöße. Zum Abschied klagt Faust: Ach kann ich nie / Ein Stündchen ruhig dir am Busen hängen / Und Brust an Brust und Seel in Seele drängen? Er gibt Gretchen ein angeblich harmloses, letztlich jedoch (wie sich später herausstellt) tödliches Schlafmittel, das sie ihrer Mutter am nächsten Abend verabreichen soll, damit er Gretchen unbemerkt aufsuchen kann.

Am Brunnen

Beim Wasserholen trifft Gretchen auf Lieschen. Diese klatscht, eine gemeinsame Bekannte, Bärbelchen, sei von ihrem Liebhaber geschwängert und dann verlassen worden. Gretchens Mitleid mit dem Mädchen teilt Lieschen nicht. Bärbelchen habe sich ihr Geschick aufgrund von Eitelkeit und Koketterie selbst zuzuschreiben: War doch so ehrlos, sich nicht zu schämen, Geschenke von ihm anzunehmen.

Wieder allein, bereut Gretchen, früher ähnlich den Stab über gefallene Mädchen gebrochen zu haben. Nun sei sie selbst eine Sünderin: Doch – alles, was dazu mich trieb, Gott! war so gut! ach, war so lieb!

Zwinger

Vor einem Andachtsbild ruft Gretchen die Mater Dolorosa an, ihr in ihrer Not beizustehen und sie vor Schmach und Tod zu bewahren, denn nur sie, die um ihren gekreuzigten Sohn trauernde Maria, könne Gretchens Leid nachvollziehen.

Nacht, Straße vor Gretchens Türe

Gretchens Bruder Valentin, Soldat und einst stolz auf die Tugend seiner Schwester, hat von deren Fehltritt erfahren. Er fürchtet die Schande, die über seine Familie kommen werde. Vor dem elterlichen Hause wartet er auf den nahenden Verführer. Dieser solle ihm nicht mit dem Leben davonkommen.

Faust und Mephisto schmieden Pläne, den Kirchenschatz zu stehlen. Faust hofft, ein Halsband als Geschenk für Gretchen zu finden. Mephisto bietet an, Gretchen einstweilen durch ein Lied auf eine weitere Nacht mit Faust einzustimmen.

Valentin tritt hervor und zerschlägt die Zither des singenden Mephisto. Angestachelt von Mephisto und mit dessen Hilfe, ficht Faust mit Valentin. Als Letzterem die Hand erlahmt (Ich glaub', der Teufel ficht! Was ist denn das? Schon wird die Hand mir lahm.), nutzt Faust nach Mephistos Aufforderung Stoß zu! die Gelegenheit und ersticht Gretchens Bruder. Faust und Mephisto fliehen vor dem drohenden Blutbann aus der Stadt.

Gretchen wird vom sterbenden Valentin vor aufgeschreckt herbeigeeilten Bürgern der Zuchtlosigkeit beschuldigt. Er prophezeit seiner Schwester ein Ende als gewöhnliche Hure. Marthes Ermahnung, sich nicht im Tode noch zu versündigen, kontert er mit bitteren Vorwürfen an das schändlich kupplerische Weib. Er sterbe durch Gretchens Schuld, aber als Soldat und brav.

Dom

Gretchen nimmt an einem Gottesdienst teil. Ein böser Geist erinnert sie angesichts jener Schuld, die sie nun am Tod von Mutter und Bruder trägt, an die verlorenen Tage ihrer kindlichen Unschuld und bestätigt Gretchens Ahnung, schwanger zu sein.

Als der Chor den Hymnus Dies irae intoniert, der auf das Jüngste Gericht vorausweist, fällt Gretchen in Ohnmacht.

Walpurgisnacht

„Ein bißchen Diebsgelüst, ein bißchen Rammelei. So spukt mir schon durch alle Glieder, die herrliche Walpurgisnacht.“ Kupferstich von W. Jury nach Johann Heinrich Ramberg (1829)

Faust wird von Mephisto zum Hexentanz der Walpurgisnacht auf den Blocksberg gelockt. Sie geraten in eine Windsbraut, ein Gewimmel von Hexen, die zur Bergspitze hinauf reiten, wo der Teufel Hof hält. Faust wünscht sich, bis zum Gipfel vorzudringen: Dort strömt die Menge zu dem Bösen; Da muss sich manches Rätsel lösen. Mephisto aber überredet Faust, stattdessen an einer Hexenfeier teilzunehmen. Er bietet ihm an, dort als Fausts Kuppler zu fungieren. Bald ergehen sich beide im Tanz und anzüglichem Wechselgesang mit zwei lüsternen Hexen.

Faust bricht den Tanz ab, als seiner Partnerin ein rotes Mäuschen aus dem Mund springt und ihm ein blasses, schönes Kind erscheint, das ihn an Gretchen erinnert und ein rotes Schnürchen um den Hals trägt (eine Vorausdeutung auf Gretchens Hinrichtung). Um Faust von diesem Zauberbild abzulenken, führt Mephisto ihn auf einen Hügel, wo ein Theaterstück aufgeführt werden soll.

Walpurgisnachtstraum

Der Walpurgisnachtstraum ist ein auf dem Blocksberg zur goldenen Hochzeit des Elfenkönigspaares Oberon und Titania aufgeführtes Theaterstück, ein „Stück im Stück“ mit zahlreichen zeitgenössischen Anspielungen (vor 1808).

Trüber Tag, Feld

Einige Monate später hat Gretchen (wie der Zuschauer später erfährt) in ihrer Verzweiflung ihr neugeborenes Kind ertränkt, ist dafür zum Tode verurteilt worden und erwartet nun ihre Hinrichtung. Faust macht Mephisto Vorhaltungen, ihm die Entwicklung der Dinge verheimlicht und ihn mit den Ausschweifungen der Walpurgisnacht abgelenkt zu haben. Mephisto verhöhnt Fausts Reaktion als typisch für einen Menschen, der sich zwar mit teuflischen Mächten einlasse, aber die Konsequenzen nicht tragen könne: Willst fliegen und bist vorm Schwindel nicht sicher? Drangen wir uns dir auf, oder du dich uns?

Faust fordert Mephisto auf, Gretchen zu retten. Dieser erinnert ihn an Fausts eigene Verantwortung: Wer war’s, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder du?

Trotz der schweren Strafe, die ihn wegen Valentins Tod in der Stadt erwartet, will Faust zu Gretchen in den Kerker gebracht werden. Mephisto erklärt, er könne zwar den Wächter einschläfern und Zauberpferde für die Flucht stellen, befreien müsse Faust Gretchen aber selbst.

Nacht, offen Feld

Faust und Mephisto sind auf schwarzen Pferden unterwegs, um Gretchen zu befreien. Sie passieren den Rabenstein, also den Hinrichtungsplatz. Faust beobachtet schwebende Wesen, die streuen und weihen. Mephisto nennt sie eine Hexenzunft.

Kerker – Gretchens Erlösung

„Dein bin ich, Vater! Rette mich! Ihr Engel! Ihr heiligen Scharen, lagert euch umher, mich zu bewahren! Heinrich! Mir graut's vor dir.“ Gretchen empfiehlt sich Gott, Mephisto zieht Faust mit sich. Lithografie von Wilhelm Hensel nach den Angaben des Fürsten Radziwill (1835)

Faust dringt in den Kerker ein. Das verwirrte und von Schuldgefühlen gequälte Gretchen hält ihn zunächst für ihren Henker. Als sie ihn schließlich erkennt, schwankt sie zwischen ihrer Liebe und ihrer Angst, noch tiefer ins seelische Verderben gezogen zu werden. Faust will sie zur Flucht überreden, doch sie weigert sich: Von hier ins ewige Ruhebett und weiter keinen Schritt! Als Gretchen Mephisto hinter Faust auftauchen sieht, erschrickt sie und empfiehlt sich Gott: Gericht Gottes! dir hab ich mich übergeben!

Mephisto drängt Faust aus dem Gefängnis: Sie ist gerichtet. Doch eine Stimme von oben offenbart Gretchens Erlösung: Ist gerettet. Mephisto und Faust fliehen.